Wie ich arbeite

Wenn morgens meine Kinder aus dem Haus sind, setze ich mich an meinen Schreibtisch und schlage als Erstes mein Notizbuch auf. (Nein, das ist eine Lüge. Leider. Ich lese dann zuerst meine E-Mails. Und beantworte sie oft auch.) Aber dann schlage ich mein Notizbuch auf. Und lese mir durch, was ich als Letztes da rein geschrieben habe. Und dann weiß ich, was das Problem ist. Denn irgendein Problem gibt es immer.

Die Probleme lassen sich in drei Hauptprobleme unterteilen:

Problem Nummer Eins: Ich habe noch gar keine Geschichte.

Das Problem ist selten, aber dafür heftig. Es zu lösen kann sehr, sehr lange dauern. Es macht aber auch ziemlich viel Spaß.
Wer kommt in der Geschichte vor? Worum soll es gehen? Was ist das Besondere daran? Und so weiter.
Alles, was mir dazu einfällt, schreibe ich (ganz ordentlich, wie ich normalerweise überhaupt nicht bin) in mein Notizbuch. Bei längeren Geschichten, also bei Romanen, ist das so viel, dass am Ende, wenn ich alles beisammen habe, schon ein komplettes Buch fertig ist, in dem es um das neue Buch geht, das ich schreiben will. Das ist eine schöne Belohnung für die ganze Denkerei. Aber die viel bessere Belohnung ist natürlich, dass ich dann meine Geschichte habe.
Wenn ich Problem Nummer Eins gelöst habe, kann ich aber immer noch nicht anfangen, zu schreiben.

Problem Nummer Zwei ist nämlich: Ich habe zwar eine Geschichte, aber die ist noch zu grob. Ich muss ja ganz genau wissen, was als nächstes passiert. Die Fragen heißen jetzt: Wo sind wir? Wie fühlt sich Derundder grade? Hat er Hunger? Und wenn ja, worauf? Ist das wichtig? Und wenn ja, warum? Und so weiter.
Und natürlich versuche ich, auf all diese Fragen auch die passenden Antworten zu finden. Wenn ich dann das Gefühl habe, dass ich genug über die nächste Szene weiß, um loszulegen, dann schalte ich den PC an – und lege los.

Dann sitze ich also da und schreibe und denke und gucke aus dem Fenster und überlege mir Formulierungen und hole mir neuen Tee aus der Küche und alles ist schön und gut, aber es gibt noch ein weiteres Problem, das ich ziemlich fies finde. Und das ist:

Problem Nummer Drei: Ich habe Mist geschrieben. Die Pläne klangen supereinleuchtend, aber wenn ich den Text durchlese, stimmt es vorn und hinten nicht. Dann schreibe ich wieder ins Notizbuch, meistens in einem etwas meckerigen Ton, und frage mich, warum jetzt alles nicht so geworden ist, wie ich wollte. Und wie ich das wohl ändern kann. Und wenn es mir einfällt, versuche ich es noch mal.

Das Notizbuch ist also eine ziemlich wichtige Sache für mich. Bei „Spaghetti mit Schokosoße“ hab ich 404 Seiten mit der Hand vollgeschrieben. Für den ersten Band. (Das fertige Buch hat 187. Damit ihr einen Vergleich habt.)

Eine andere ziemlich wichtige Sache sind meine Freundinnen, die auch meine Kolleginnen sind. Zwei von ihnen müssen immer von Anfang an mitlesen, was ich schreibe. Und wenn ich dann mal nicht weiterkomme, Notizbuch hin oder her, frage ich die beiden, und dann geht mir im Gespräch meistens ein Licht auf. Oder ihnen geht ein Licht auf, und sie sagen es mir.

Die dritte wichtige Sache sind Tee und Kaffee (mit viel Milch), von denen ich literweise trinke, während ich schreibe. Das beruhigt. Und ist gemütlich. Und überhaupt.

Irgendwann klingelt es dann an der Tür und ich denke: „Wie bitte?! Es kann doch unmöglich schon Mittag sein?!“ Ist es aber doch jedes Mal. Dann lasse ich die Kinder rein und koche uns allen was zu Mittag, und damit ist mein Schreib-Arbeitstag vorbei.